Risikofaktor rotes Fleisch?

Quelle: Uwe Knop, Diplom-Oecotrophologe Ort: Eschborn

Eine aktuelle Publikation offenbart erneut die fundamentalen Schwächen der Ernährungswissenschaften, die klare Empfehlungen in diesem Bereich unmöglich machen. Anhand bestehender Forschungslücken beim Zusammenhang von Fleisch und Gesundheit zeigt ein Wissenschaftler des Landwirtschaftsministeriums der Vereinigten Staaten, USDA (United States Department of Agriculture), die zahlreichen Limitierungen von Ernährungsstudien auf. Neben dem „Klassiker“ fehlender Beweise sind dies sowohl zweifel- und  fehlerhafte Datengrundlagen als auch frei erfundene Hypothesen und statistische Willkür sowie massive Schwächen der Beobachtungsstudien bis hin zu offiziellen Ernährungsempfehlungen, für die wissenschaftliche Grundlagen fehlen [1].

Eine weitere Studie ergab, dass kein klarer Zusammenhang zwischen hohem Verzehr von rotem Fleisch und koronarer Herzkrankheit/Herz-Durchblutungsstörungen vorliegt [2]. Auch hier weisen die Autoren auf bekannte Schwächen von Ernährungsstudien hin – genau wie ihre Forscherkollegen kurz zuvor bei einer Studie, die zeigte, dass rotes Fleisch kein Risikofaktor für Darmkrebs ist [3].

Die beiden neuen Publikationen untermauern Erkenntnisse vorangegangener Veröffentlichungen, die ebenfalls vor gravierenden Grundsatzproblemen der Ernährungswissenschaften warnen: Zum einen sei es unmöglich, die „Wirkung“ einzelner Lebensmittel isoliert von der Gesamternährung und Lebensstilfaktoren zu analysieren. Zum anderen seien viele Ergebnisse der Ernährungsforschung „völlig unglaubwürdig“ – und auch eine „weitere Million Beobachtungsstudien“ würde keine endgültigen Lösungen liefern. Denn Ernährungsbeobachtungsstudien seien anfällig für Verzerrungen und Fehler – insbesondere aufgrund unüberprüfbarer und falscher Eigenangaben – und sie böten Forschern die Möglichkeit zur Manipulation. Daher mahnen kritische Wissenschaftler zu „größerer Vorsicht bei Ernährungsempfehlungen“ [3,4,5].

Basierend auf seiner Publikation [1], in der er die zahlreichen Limitierungen der Ernährungsforschung systemisch und akribisch offenlegt, lautet für den Wissenschaftler des USDA-Agricultural Research Service die beste Ernährungsempfehlung: „Moderater Verzehr einer Vielzahl von Lebensmitteln, die Menschen gerne genießen.“

„Jeder, der im Bereich Ernährungswissenschaft und -beratung, in der Gesundheitspolitik sowie insbesondere im Wissenschaftsjournalismus arbeitet, sollte dieses aktuelle USDA-Paper [1] lesen“, empfiehlt der Eschborner Diplom-Ökotrophologe Uwe Knop, „denn danach weiß man sicher, dass Ernährungsstudien in etwa die gleichen Erkenntnisse liefern wie das Lesen einer Glaskugel.“

Ein Beispiel in der USDA-Publikation zeigt anhand der klassischen Ernährungs-Beobachtungsstudie, aus welchem Nonsens Meinung gemacht wird. Die statistischen Zusammenhänge zeigten, dass „Rotfleisch-Esser“ ein leicht erhöhtes Risiko aufweisen, an Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen (KHK) zu sterben. Ein Ergebnis wie gemacht für die Anti-Fleisch-Propaganda der Vegetarierlobby. Jedoch starben die Fleischesser mit vergleichbarer Wahrscheinlichkeit auch am Unfalltod. Die weitaus höchste Sterblichkeitsrate wiesen die Rotfleisch-Konsumenten aber in einer anderen Todeskategorie auf: Sonstiges.

Bei den Weißfleisch-Konsumenten waren die Risiken, an einem Unfall oder etwas Sonstigem zu sterben, hingegen niedriger als beim Durchschnitt. „Jedem normal denkenden, also nicht ernährungsideologisch limitierten Menschen ist sofort klar: Bei diesen Korrelationen handelt es sich nur um zufälliges, statistisches Grundrauschen, denn  für den Unfalltod auf der Straße ist sicher nicht die Wurst auf dem Brot verantwortlich – genauso wenig wie für Krebs, KHK oder die Haupttodesursache `Sonstiges´. Häufig sind das `falsch-positive´ Zusammenhänge, die ab einer gewissen Menge  an Faktoren und statistisch möglichen Korrelationen automatisch auftreten“, erklärt Uwe Knop.

Ein Rechenbeispiel im aktuellen Paper verdeutlicht die Unzahl möglicher Korrelationen. Ein typischer Ernährungsfragebogen enthält 125 Lebensmittel und 65 Inhaltsstoffe. Verknüpft man diese beiden Angaben nun mit 50 Krankheiten, Todesursachen und/oder Blutwerten (z.B. Cholesterin, Triglceride) erhält man mehr als 400.000 mögliche Zusammenhänge. „Und da finden findige Statistiker immer etwas Passendes, um den ernährungsideologischen Zeitgeist zu füttern“, resümiert Uwe Knop, „das ist die bewusste Desinformation von Medien und Bevölkerung.“

Quellenangaben:

[1] Research gaps in evaluating the relationship of meat and health. Meat Sci. 2015 May 23. doi: 10.1016/j.meatsci.2015.05.022. [Epub ahead of print]

[2] Red meat consumption and ischemic heart disease. A systematic literature review. Meat Sci. 2015 May 22;108:32-36. doi: 10.1016/j.meatsci.2015.05.019. [Epub ahead  of print]

[3] J Am Coll Nutr. 2015 May 5:1-23; Red Meat and Colorectal Cancer: A Quantitative Update on the State of the Epidemiologic Science (published online [5. Mai 2015])

[4] Limitations of Observational Evidence: Implications for Evidence-Based Dietary Recommendations; American Society for Nutrition. Adv. Nutr. 5: 7-15, 2014

[5] Implausible results in human nutrition research – Definitive solutions won’t come from another million observational papers or small randomized trials, British Medical Journal, BMJ 2013; 347:f6698

Fleischnet / Fleischnet

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